
"Form ever follows function." Diesen - häufig um das
Wörtchen "ever" verkürzten - Satz prägte
der Architekt Louis Sullivan 1896. Er meinte ihn als Programm: Die
Formen eines Gebäudes sollten die ihm zugedachten Funktionen
abbilden. Man kann ihn aber auch als nüchternes Statement verstehen.
Die Technik diktiert oft die Ästhetik, ob Architekt und Benützer
das wollen oder nicht. Man denke nur an ein Flugzeug: Wohl jeder
Passagier mit Fensterplatz würde einen weiten Blick auf die Wolken,
den Himmel bevorzugen - doch die Statik verbietet es.
Die kleinen Fenster sind schon ein Kompromiß.
Ähnlich ist es bei Solarzellen: Ihre Funktion diktiert die Form.
Der Wiener Michael Radike arbeitet gemeinsam mit seinem Chef Johann
Summhammer, der im "Hauptberuf" Quantenoptiker ist, daran, der Technik
- Photovoltaik genannt - neue Kompromisse abzuringen.
In seinem Labor im Keller des Atominstituts liegen unzählige,
ungefähr zehn mal zehn Zentimeter große quadratische Platten
herum - mit geheimnisvoll anmutenden Strichmustern darauf,
manche wild glitzernd, manche eher matt, manche silbrig, manche bunt:
die Mosaiksteine von Solaranlagen.
Was bestimmt das Aussehen von Solarzellen? Natürlich ihre Funktion:
die von der Sonne gratis gelieferte Energie in elektrischen Strom
umzuwandeln. Das passiert auf Basis des sogenannten inneren Photoeffekts.
Man braucht dafür ein Halbleiter-Material, in dem sich Ladungen
leicht trennen und verschieben lassen, am besten mit Bor dotiertes
Silizium in Form einer Platte. Eine Seite dieser Platte ist zusätzlich
mit Atomen dotiert, die ein Valenzelektron weniger haben als Silizium
("Akzeptoren", hier Aluminium), die andere Seite mit Atomen, die
ein Valenzelektron mehr haben ("Donatoren", hier Phosphor).
Frei beweglich Ladungen: Elektronen und Löcher
Durch die Sonnenenergie werden nun Elektronen so angeregt, daß
sie aus dem Valenzband ins Leitungsband gehoben werden, also frei
beweglich werden. Zurück bleibt ein positiv geladenes "Loch",
auch "Defektelektron" genannt. Die Elektronen wandern in Richtung
Phosphor, die Löcher in Richtung Aluminium. Durch diese räumliche
Trennung der Ladungen entsteht eine Potentialdifferenz (Spannung)
zwischen den beiden Oberflächen der Platte. Abgeleitet werden
die Elektronen - und damit der elektrische Strom
- durch eine Silberelektrode in Form von Linien aus einer silberhaltigen
Paste auf der Phosphor-Seite.
Dabei sind die Möglichkeiten, die Silberlinien anzuordnen, beschränkt:
Wenn sie zu weit voneinander entfernt sind, also der Weg, den die
Elektronen zurücklegen müssen, zu lang ist, dann haben die Ladungen
zuviel Gelegenheit, wieder zusammenzufinden, zu rekombinieren. Zu
viele Linien sind aber auch nachteilig: Denn dann wird der Anteil
der Siliziumfläche an der Gesamtoberfläche zu klein.
Als ideal hat sich ein Muster bewährt, in dem normal auf eine
Menge ganz feiner Linien (zirka ein Zehntel Millimeter breit) zwei
zueinander parallele dickere Linien ("bus bars", zirka zwei Millimeter
breit) stehen, die den Strom abtransportieren; an ihrem Ende sind
die Kabel angelötet. Jede Veränderung dieses Standard-Strichmusters
bringt, so Radike, notwendigerweise eine Verschlechterung der Effizienz
der Solarzelle. "Die Frage ist nur: Wie kann man die Verschlechterung
minimieren?"
Radike hat zehn Muster ausgesucht und mit Siebdruck auf die üblichen
Siliziumscheiben (zirka zehn mal zehn Zentimeter groß) aufgebracht.
Durch mathematisch exakt berechnete Anpassung der Feinstruktur gelang
es, die Verluste unter 0,5 Prozent absolut zu halten. Und durch geschickte
Kombination dieser Grundmotive kann er alle möglichen weiteren Muster
erzeugen - zum Beispiel das "BP"-Zeichen.
Schon solar: Tankstelle an der Triester Straße
Warum gerade dieses? Die Firma BP engagiert sich stark in der
Photovoltaik, sie ist heute der größte Solarzellen-Produzent
weltweit. Im Jahr 2005 sollen alle ihre Tankstellen in Österreich
mit Solarzellen ausgestattet sein. Eine Tankstelle an der Triester
Straße hat schon umgerüstet: Die Info-Säulen und
Teile der Beleuchtung werden mit Sonnenenergie betrieben, in Zukunft
sollen Elektroautos direkt aus Solarzellen gewonnenen Strom "tanken".
Das Muster namens "Delhi" (siehe Bild links unten) hat bei einer Londoner
Bank Gefallen gefunden: Wenn man es nämlich um neunzig Grad dreht,
sieht es aus wie ein Dollarzeichen. Radike war darüber selbst
überrascht: "Das war eigentlich nicht beabsichtigt."
Als nächstes bastelt Radike an sechseckigen und runden Solarscheiben
- und er befaßt sich mit einem anderen Problem der Solarzellen.
Silizium ist nämlich nicht gleich Silizium. Dieses gibt es in
einkristalliner, mikrokristalliner, multikristalliner und völlig
amorpher, also strukturloser Ausfertigung. Am besten funktioniert
der Photoeffekt in einkristallinem Silizium, das aus einem einzigen
Kristall besteht, in dem die Elektronen auf ihrer Wanderung nicht
durch Korngrenzen behindert werden. Leider sind solche Einkristalle
sehr teuer und werden fast nur für Weltraum-Zwecke verwendet,
wo es, so Radike, "egal ist, was es kostet". Bei multi- und mikrokristallinem
Silizium - der Unterschied liegt in der Größe
der Kriställchen - muß man mit den Korngrenzen zwischen
den einzelnen Kriställchen leben. Ästhetisch allerdings
ist es gar nicht so schlecht: Es erinnert ein bißchen an Marmor.
Radike arbeitet nun an einem Verfahren, mit dem man die Silberlinien
genau an den Korngrenzen auftragen kann - in Form von silberhaltiger
Tinte, mit einem handelsüblichen Drucker der Firma Canon, den er dafür
adaptiert hat.
Die Solarzellen-Forschung am Atominstitut ist Teil eines EU-Projekts
namens "Bimode", das zum Ziel hat, "ästhetisch erfreuliche" Prototypen
von Solarzellen herzustellen. Wichtig dabei ist natürlich auch
die Farbe: Diese wird durch die Dicke der Antireflexschicht (aus
Titandioxid) bestimmt, deren primäre Funktion es ist, möglichst
viel Licht in der Schicht zu halten. Die Farben ändern sich
auch mit dem Lichteinfall und mit dem Grad der Bewölkung; man
kann sie durch Filter oder Anätzen der Oberfläche beeinflussen.
Um die künstlerischen Aspekte kümmert sich die Kunsthochschule
für Medien und Medienkunst in Köln.
Dünnschicht-Solarzellen am Institut für Materialphysik
Eine zweite Wiener Arbeitsgruppe beteiligt sich an einem EU-Projekt
zum Thema Solarzellen: die Abteilung "Photovoltaik" (Institut für
Materialphysik der Uni Wien, um Viktor Schlosser und Alexander Breymesser)
an "Crystal". Während konventionelle Silizium-Platten, wie sie auch
Radike verwendet, aus Blöcken geschnitten werden, befaßt
sich dieses Projekt mit mikrokristallinen Dünnschicht-Solarzellen
auf Glas. Diese entstehen durch Aufdampfen von im Trägergas
Trichlorsilan suspendiertem Silizium, bei relativ niedrigen Temperaturen:
Die Arbeitsgruppe in Barcelona ist schon bei 150 Grad Celsius angelangt!
Der Vorteil der aufgedampften dünnen Schichten ist, daß
man viel weniger Material braucht, leichter große chemische
Reinheit erzielt und kein Silizium beim Schneiden und Sägen
aus größeren Brocken verliert. Die Photovoltaiker an der
Uni Wien arbeiten daran, solche dünnen Schichten optisch und
elektrisch zu charakterisieren. Wesentlich ist dabei die Natur der
Korngrenzen, die ja die wesentlichen Barrieren für den Ladungstransport
darstellen.
Hier, an der Uni Wien, eher Grundlagenforschung, dort, am Atominstitut,
eher anwendungsorientierte Forschung - man spürt in Wien
so etwas wie Aufbruchsstimmung in Sachen Photovoltaik. Ab Sommersemester
werden auch eine Vorlesung und ein Praktikum angeboten.
Alternative in Linz: Kunststoff statt Silizium
Noch eine dritte österreichische Gruppe befaßt sich mit Solarzellen:
Niyazi Serdar Sariciftci und Kollegen an der Universität Linz arbeiten
an Zellen, die aber nicht aus Silizium, sondern aus Kunststoff (aus
konjugierten Polymeren) sind. Vorteil: Sie sind in der Herstellung billig.
Nachteil, bisher: Ihr Wirkungsgrad ist noch relativ niedrig -
ein Prozent, im Vergleich zu zwischen 12 und 16 Prozent bei handelsüblichen
Siliziumzellen.
Radike schwärmt vom "Photovoltaics"-Zentrum an der University
of New South Wales in Australien: "Dort haben sie vor 15 Jahren so
angefangen wie wir jetzt. Und heute kommen die Firmen und sagen:
Bitte, dürfen wir Ihnen unsere Geräte hinstellen?" Im australischen
Hinterland ("Outback") steht schon alle 41 Kilometer eine Solaranlage:
Mit Sonnenenergie wird das Wasser von Norden nach Süden gepumpt.
Und bei den Olympischen Spiele in Sydney 2000 soll im Olympischen
Dorf jedes Haus mit Solarzellen ausgestattet sein. Vielleicht mit
Mustern, die derzeit in einem Keller des Wiener Atominstituts ausgetüftelt
werden?
| "Delhi" |
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"Kreuz" | "Zopf" | "Crack" |
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